Von Schallplatten zu Spotify-Playlists: Musikhören im Wandel der Zeit 


Von Schallplatten zu Spotify-Playlists: Musikhören im Wandel der Zeit 


Obwohl die technische Schallaufzeichnung bereits 1877 mit der Erfindung des Phonographen durch Thomas Edison möglich war, so dauerte es noch ungefähr zehn Jahre, bis sich das Gerät als kommerziell erfolgreiches Produkt durchsetzen konnte. Zeitgleich wurde mit der Erfindung der Schallplatte die Grundlage für einen neuen Industriezweig gelegt, der sich im Laufe der nächsten 150 Jahre zu einer der einflussreichsten Branchen in der Unterhaltungsindustrie entwickelte – Umsätze in Milliardenhöhe eingeschlossen.

Am Anfang war das Grammofon, eine Weiterentwicklung des Phonographen durch Emil Berliner, noch ein exklusives Produkt, das sich nur wohlhabende Konsumenten leisten konnten. Doch seit den 1920er-Jahren entwickelte es sich zu einem beliebten und erfolgreichen Massenprodukt. 1907 wurden in Deutschland bereits 18 Millionen Schallplatten verkauft. 1928 waren es schon fast doppelt so viele: ungefähr 30 Millionen. In diesem Artikel schauen wir uns an, wie sich das Hören von Musik verändert hat – von den ersten Schallplatten bis zu heutigen Playlists.

Die Popmusik begeistert die Massen

Bis in die 1950er-Jahre hinein wurden über 40 Prozent der Schallplattenverkäufe mit dem Bereich der ernsten Musik erzielt. Doch innerhalb von zwei Jahrzehnten sank dieser Anteil auf gerade einmal 12 Prozent in Europa und 4 Prozent in Amerika. Das ist ein klarer Hinweis dafür, wie schnell die Popularmusik an Bedeutung gewann.

Diese Entwicklung ist jedoch nicht nur auf die Künstlerinnen und Künstler und deren Musik zurückzuführen, sondern hat ihren Ursprung darin, dass sich die Bedürfnisse des Marktes für diese Art von Musik und das neue Medium „Schallplatte“ in nahezu perfekter Art und Weise ergänzten. Denn besonders seit den 1940-er Jahren nahm die Entwicklung der Popularmusik, beeinflusst durch neue Aufnahmetechniken und einer hervorgehobenen Ästhetik der Schallplattencover, rasant an Fahrt auf.

Während die ernste Musik ihren Ursprung im bürgerlichen Konzertleben hatte, wurden die künstlerischen Arbeiten im Bereich der Popularmusik von den Teams der Schallplattenfirmen konzipiert. Ihre Entscheidungen basierten auf detaillierten Marktanalysen und präzise geplanten Marketingkampagnen. Das führte oft dazu, dass die Musik und das äußere Erscheinungsbild der Künstler an den Geschmack der Masse angepasst wurde, um kommerziell erfolgreich zu sein.

Die Einmaligkeit wird von der Reproduzierbarkeit verdrängt

In seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ analysiert Walter Benjamin die weitreichenden Konsequenzen, die die Möglichkeit der beliebigen Reproduktion von Musik für den traditionellen Kunstbegriff in der abendländischen Musik hat. Er konstatierte eine schwerwiegende Krise von Funktion und Ästhetik des traditionellen Kunstwerks, da um 1900 die technische Reproduktion einen Standard erreicht hatte, der es ermöglichte, nicht nur die überlieferten Kunstwerke zu reproduzieren, sondern diese zugleich auch tiefgreifenden Veränderungen zu unterwerfen.

Das, was das traditionelle Kunstwerk infolge seiner technischen Reproduzierbarkeit verliert, ist nach Benjamin seine Einmaligkeit, also dessen Un-Reproduzierbarkeit. Denn bis zur Erfindung der Schallplatte war die Vermittlung von Musik auf eine personelle Ebene angewiesen. Mit der Erfindung der Schallplatte wurde eben dieser Kontext des sozialen Ambiente aufgelöst und dadurch die Rezeptionsrichtung umgekehrt.

Die Kommerzialisierung des Radios verändert die Musikbranche

Eine Folge dieses technischen Fortschritts war es, dass Frank Conrad von der Westinghouse Electric Company 1920 mit der Übertragung von Schallplatten über Radio experimentierte. Obwohl die Versuche nur zum Teil erfolgreich waren, so legten sie doch den Grundstein für die Gründung der ersten kommerziellen Radiostationen in Pittsburgh.

In den folgenden zehn Jahren wurden mehr als 650 neue Radiostationen gegründet, und bis 1930 konnten bereits 12 Millionen Haushalte Radioprogramme empfangen. Ein Jahrzehnt später hatte sich diese Zahl nochmals mehr als verdoppeln (ca. 28 Millionen Haushalte). Damit war das Radio zu einem festen Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden und hatte die Hörgewohnheiten der US-Amerikaner bis dahin völlig verändert.

Musikhören wird Teil des Alltags

Der Popularitätsgewinn von Radio und Schallplatte hatte einerseits zur Folge, dass ein Musikstück, das früher auf öffentlichen Varietébühnen und Clubs vielleicht jährlich 20.000-mal aufgeführt wurde, plötzlich hunderttausendfach wiedergegeben werden konnte und so Millionen von Zuhörern erreichte. Denn Radiostationen spielten Musik nicht nur zu bestimmten Tageszeiten, sondern praktisch rund um die Uhr. Dies hatte die explosionsartige Zunahme einer absolut passiven Hörerschaft zur Folge. Denn Menschen konnten nun Musik hören, ohne selbst ein Instrument spielen oder an einem Konzert teilnehmen zu müssen.

Vom musikalischen Dialog zum Monolog

Obwohl das Radio nicht das Erlebnis eines Live-Konzerts ersetzen konnte, so bot es den Menschen doch eine äußerst bequeme Möglichkeit, Musik zu konsumieren, die von Musikredakteuren kuratiert wurde. Deren Aufgabe war es, quasi pausenlos Musiktitel zu suchen, die eine möglichst breite Gesellschaftsschicht ansprach, um so die Aus- oder Umschaltquoten der Radios möglichst gering zu halten.

Daraus hat sich eine grundlegende Veränderung in der Kommunikationsstruktur ergeben, die alle Zuhörerinnen und Zuhörer betrifft. Innerhalb der Kommunikationstheorie wird zwischen Sender und Empfänger, beziehungsweise zwischen dem Sprecher und dem Hörer unterschieden. Der Informationsaustausch erfolgt von Mund zu Ohr, wobei die personelle Vermittlung von Inhalten die Grundvoraussetzung für das Gelingen von Kommunikation war.

Ohne Probleme kann man dieses Modell auch auf Musik übertragen. Das performative Ritual des Applaudierens, das in sämtlichen Kulturen zu finden ist, bezeugt die Zustimmung und das Einverständnis der Zuhörer mit den aufführenden Musikerinnen und Musikern. Der formale Kontext bleibt also derselbe wie bei der Sprache, die entweder verstanden oder nicht verstanden wird.

Musik, ein Mittel zur Kommunikation im Wandel

Mit der Erfindung der Schrift und später der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg vollzog sich eine folgenreiche Veränderung innerhalb der Kommunikation. Zwar kommuniziert die Autorin eines Textes nach wie vor mit den Lesern, jedoch ist das dialogische Prinzip aufgehoben, da die Verfasserin in der Anonymität verbleiben kann. Dadurch erweitert sich nicht nur der zeitliche Rahmen, in der Kommunikation stattfinden kann, sondern auch der räumliche.

Die Autorin sieht sich plötzlich der Möglichkeit gegenübergestellt, beliebig vielen Menschen gleichzeitig ihre Gedanken und ihr Wissen mitteilen zu können. Dadurch wird die Kommunikation einerseits stark entschleunigt und andererseits vollständig entpersonalisiert. Räumliche und zeitliche Grenzen lösen sich auf.

Durch das Medium Radio wird die Kommunikation wieder zurück auf eine mündliche Basis gebracht: Es gibt Sprecherinnen und Hörer. Der Unterschied ist nur, dass die beiden kommunizierenden Parteien durch das Medium voneinander getrennt sind. Anstelle eines Dialogs tritt hier die Kommunikation von einem Sprecher oder einer Moderatorin hin zu einer anonymen Masse von Radiohörern.

Die Streaming-Zahlen als Reaktionsmesser

Das Musikstreaming spitzt diese Form der monologischen Kommunikation weiter zu, indem die Rolle der Radiomoderatoren mittelfristig komplett entfallen wird und auch die Musikredakteure als „Gate-Keeper“ mittelfristig ihre Position verlieren werden. Das hat schon jetzt zur Folge, dass Musikschaffende ihren gesamten kreativen Output mühelos auf unterschiedlichen Streaming-Plattformen veröffentlichen können.

Wenngleich es noch nie einfacher war, ein großes Publikum zu erreichen, so ist es paradoxerweise umso schwieriger geworden, die Reaktion der Hörer einzuschätzen. Dadurch wird die Planung weitreichender Marketingkampagnen und Tourneen schon jetzt maßgeblich erschwert. Ein Gefallen oder Missfallen der Hörer lässt sich höchstens noch an den Streaming-Zahlen messen, die man als den neuen, virtuellen Applaus für Musikerinnen und Musiker bezeichnen könnte.

Algorithmen verändern den Musikkonsum

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Begriff des Massenkommunikationsmittels heutzutage nur noch eine bedingte Gültigkeit hat. Denn der Musikkonsum folgt nicht mehr einem starren Programmschema wie früher, sondern wird von den Nutzerinnen und Nutzern individuell mitgestaltet, indem die Streaming-Anbieter permanent Daten über sie sammeln und diese algorithmisch gestützt auswerten. Im Endeffekt übernimmt hier ein Computer, vielfach effektiver als jeder Mensch, die Arbeit des Musikredakteurs. Somit können Fragen wie

  • Was will ich hören?
  • Welche Musik will ich neu kennenlernen?
  • Welches Musikstück soll fortgesetzt werden?

höchst individuell und extrem schnell beantwortet werden.

Musikhören ist heute stark personalisiert

Durch den technischen Fortschritt ist es möglich geworden, Musik in einer Form zu personalisieren, wie noch niemals zuvor. Somit befinden wir uns eigentlich in einer ganz ähnlichen Situation wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Personalisierung von Musik über den Umfang der individuellen Schallplattensammlung abgebildet wurde. Nur war das Angebot damals bei weitem nicht so umfangreich wie heute – und dazu nicht jederzeit und überall erreichbar.

Jetzt interessiert mich: Lässt sich eine Schallplattensammlung mit einer Playlist bei einem der großen Streaming-Anbieter vergleichen? Was denkst du über die Entwicklung des Musikhörens im digitalen Zeitalter? Lass es mich in den Kommentaren wissen.

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