Seit jeher wurde die Produktion von Musik – also die künstlerische Gestaltung des gesamten Aufnahmeprozesses – durch technologische Fortschritte beeinflusst. Dadurch eröffneten sich für Musikschaffende neue, kreative Spielräume, die zur späteren Entstehung unterschiedlicher Musikgenres maßgeblich beitrugen. Dieser Artikel bietet dir einen kompakten Überblick über die Entwicklung der Musikproduktion: vom Grammophon bis …
Wie es begann: Zinkplatte und Grammophon
Den Grundstein für die moderne Audio-Technik legte 1887 die Erfindung des Grammophons und der Schallplatte durch Emil Berliner. Anfänglich bestanden seine Schallplatten aus einer flachen, wachsbeschichteten Zinkscheibe, welche, wie die Walzen für den Phonographen von Thomas Edison, einzeln hergestellt werden mussten. Während der Tonaufnahme wurde eine Schalldose über eine Spindel spiralförmig über die Schallplatte geführt. Der durch den Trichter gebündelte Schall bewegte eine Membran, an der wiederum über ein Hebelsystem die Nadel befestigt war. Dadurch wurde im Wachs ein Abbild des Schalls in Form einer Rille erzeugt. In einem Säurebad wurde diese in das Zink geätzt. Das Wachs konnte entfernt werden und die Rille blieb dauerhaft erhalten.
Diese frühen Tonaufnahmen boten noch nicht die Möglichkeit der Vervielfältigung. Außerdem war die Klangqualität minderwertig und von starkem Rauschen begleitet. Mit dem Aufkommen elektrischer Mikrofone ab Mitte der 1920er Jahre konnte vorerst auch keine wahrnehmbare Verbesserung der Aufnahmequalität erzielt werden, weil eine musikalische oder technische Nachbearbeitung des Tonmaterials bislang nicht möglich war.
Neue Technik, neue Verantwortung
Zu dieser Zeit existierte der Beruf des Musikproduzenten noch nicht, jedoch hatte der Aufnahmeleiter die Aufgabe, aus mehreren Aufnahmen die jeweils beste Fassung auszuwählen. Infolge der hohen Kosten wurde diese Möglichkeit jedoch nur selten genutzt. Mit der Einführung elektrischer Mikrofone ab Mitte der 1920er Jahre begannen sich die Aufgaben des Aufnahmeleiters zu verändern. Fortan musste er darüber entscheiden, mit wie vielen Mikrofonen aufgenommen werden sollte, wo diese im Raum zu positionieren waren und wo sich die Musikerinnen und Musiker befinden sollten, um ein bestmögliches Klangresultat zu erhalten.
Magnettonband und Vinyl: bessere Qualität bei der Musikproduktion
Mit der Erfindung des Magnettonbands erreichte die Produktion von Tonträgern ab 1948 bis dahin unbekannte Qualitätsstandards. Im selben Jahr erschienen außerdem die neuen Tonträgerformate Vinyl-Langspielplatte, und im Folgejahr die Vinyl-Single, welche die langersehnte Reproduzierbarkeit von Tonaufnahmen möglich machte und somit den Grundstein für die Entwicklung des kommerziellen Musikmarktes legte.
Zwei Aspekte machen diese technischen Innovationen zu einer Art Meilenstein: Zum einen konnten auf Tonbändern die Aufnahmen im Nachgang durch Bandschnitte umfangreich manipuliert werden. Zum anderen erweiterte sich durch das neue Medium Vinyl-Schallplatte die Länge der Aufnahme eines Musikstücks auf bis zu 23 Minuten (je Seite).
Musikproduzenten nutzen technische Innovationen
Die rasante Entwicklung der Audiotechnik machte es kreativen Musikproduzenten wie Phil Spector ab 1950 möglich, ihre musikalischen Ideen auf völlig neuen Wegen zu realisieren. Dabei wird schon jetzt deutlich, wie entscheidend die Rolle technischer Innovationen, neben der künstlerischen Vorstellungskraft, für den Erfolg eines Musikproduzenten ist. Auf diese Weise konnte die künstlerische Gestaltung des gesamten Aufnahmeprozesses zunehmend an Bedeutung gewinnen und die Musiklandschaft schließlich so formen, wie wir sie heute kennen.
Mit Beginn der 1960er Jahre hatte sich das Mehrspuraufnahmegerät zum Standard in vielen Tonstudios entwickelt. In den folgenden Jahren waren Tonbandaufnahmen mit drei bis vier Spuren üblich, ehe zu Beginn der 1970er Jahre 16- (und manchmal auch 24-) Spurmaschinen für Tonaufnahmen zur Verfügung standen. Damit waren den Bearbeitungsmöglichkeiten von einmal aufgenommener Musik praktisch keine Grenzen mehr gesetzt und die Bandmaschine wurde nicht mehr bloß als statisches Speichergerät betrachtet, sondern als ein Mittel, das man aktiv in den Kompositionsprozess mit einbinden konnte.
Phil Spector: Genie, Wahnsinn und die „Wall of Sound“
Phil Spector begann Anfang der Sechziger Jahre damit, seine eigenen Klangwelten zu formen. Die Wall of Sound – nicht zu verwechseln mit den Wänden aus verzerrten Gitarren im Shoegaze-Sound – ist eine dramatische, dicht arrangierte und sorgfältig geplante Instrumentierung. Dabei formen Streicherarrangements und zahlreiche Instrumente, die sonst nicht in klassischen Ensembles zu finden waren (elektrische und akustische Gitarren, Chöre und Schlagzeug / Perkussionsinstrumente mit viel Reverb) den typischen gesättigten Sound, der schließlich zu seinem Markenzeichen wurde.
In seinen wenigen aktiven Jahren arbeitete er mit Künstlern wie den Beatles, Crystals, George Harrison, John Lennon, den Ramones und The Righteous Brothers zusammen. Sein ganz eigener Produktionsstil machte die Songs eindeutig als Spector-Produktionen identifizierbar. Er galt Zeit seines Lebens als eine Art musikalisch-kreatives Genie, das sowohl künstlerisch als auch kommerziell ausgesprochen erfolgreich war.
Mitte der 1960er-Jahre zog er sich nach einem Autounfall aus dem Musikgeschäft zurück und produzierte in den folgenden Jahrzehnten nur wenig Musik. Darunter waren jedoch einige sehr angesehene Alben wie John Lennons Soloalbum Imagine und weitere Alben von Lennon und Yoko Ono sowie George Harrisons All Things Must Pass.
Anfang 1981, kurz nach dem Tod von John Lennon, trat er vorübergehend wieder in die Öffentlichkeit, um gemeinsam mit Yoko Ono ihr Album Season of Glass zu produzieren. Für seine Verdienste als Musikproduzent wurde er 1989 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen an Musikproduzenten ist trotz seiner Verurteilung 2009 zu 19 Jahren Haft wegen Totschlags nicht zu unterschätzen. Spector starb 2021.
Kommerzialisierung des Musikmarkts: Auswirkungen auf die Musikproduktion
Mit der Zeit erlangte die Tätigkeit als Musikproduzent als eigenständige künstlerische Leistung zunehmend Anerkennung in der Musikindustrie. Dies geschah, da sich das musikalische Endprodukt nicht länger ausschließlich auf eine fertige Komposition bezog, sondern die produzierte Tonaufnahme später in Form von Vinyl-Schallplatten reproduziert und an die Musikkonsumenten verkauft wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt konnte nahezu flächendeckend aus einer Vielzahl von Interpreten und Musikstilen ausgewählt werden: Die Kommerzialisierung des Musikmarkts hatte begonnen.
Zudem beeinflussten innovative Technologien die Produktion von Rock- und Popmusik nachhaltig. So hatte Robert Moog bereits 1964 den ersten Analog-Synthesizer vorgestellt, ehe in den folgenden Jahren der neuartige Moog-Sound auf zahlreichen Musikaufnahmen zu hören war. Die flächendeckende Verbreitung des analogen Synthesizers zu Beginn der 1970-er Jahre brachte einige neue Musikstile hervor:
- Art Rock von Bands wie Genesis, Yes, King Crimson oder Pink Floyd
- Krautrock: Ash Ra Temple, Can, Holger Czukay, Tangerine Dream
- Disco: Donna Summer, Boney M. oder Sylvester James
Eigener Sound wird Verkaufsargument
Mit den neuartigen Sounds und Gestaltungsmöglichkeiten konnten Musikproduzenten ihr Ansehen innerhalb der Musikindustrie wesentlich steigern. Dadurch erhöhte sich auch deren Marktwert – und zwar proportional zu der Bedeutung (und dem kommerziellen Erfolg), die einem bestimmten Sound zugemessen wurde. Somit galt die Erschaffung einer individuellen Klangästhetik nicht nur als eine künstlerische sondern auch als eine wirtschaftliche Herausforderung. Denn ein neuer, einzigartiger Stil ist zu einer absoluten Notwendigkeit geworden, um sich an dem immer breiter werdenden Musikmarkt langfristig etablieren zu können.
Zugleich wurde von den Musikproduzenten aber auch verlangt, die hohen Erwartungen der Fans an Klangästhetik und Sounddesign zu erfüllen. Um diese Vorgaben möglichst ohne Probleme zu erreichen, begannen die Musikproduzenten Jerry Leiber und Mike Stoller Mitte der 1950-er Jahre, die ersten unabhängigen Künstler-Produktionsverträge abzuschließen und trugen so die Verantwortung für ganz unterschiedliche Musik-Karrieren.
Go Your Own Way: Künstler nehmen die Produktion selbst in die Hand
Gegen dieses Vorgehen positionierten sich Künstler, die bereits früh und in jungen Jahren selbst als Musikproduzenten in Erscheinung getreten waren – so etwa Madonna, die ihr zweites Album mitproduzierte, ebenso wie Prince, der sehr bald umfassende Kontrolle über seine gesamten Werke erlangen sollte. Auch George Michael gehörte zu jenen Künstlern, die selbst im Studio arbeiteten: Er produzierte sein Erfolgsprojekt Wham! selbst.
Auf Seite der Musikschaffenden entstand das Bedürfnis, die Kontrolle über den eigenen Sound behalten zu wollen und diesen individuell gestalten zu können. Das führte einerseits zu einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Künstlerinnen und Produzenten, andererseits wurden die einzelnen Aufgabenbereiche dadurch immer schwieriger voneinander zu trennen. Dadurch nahmen Musikerinnen und Musiker mehr als einmal die Rolle von Musikproduzenten ein.
Midi, Samples und Beats prägen die moderne Musiklandschaft
Parallel zu New Wave und Synthie-Pop ist Ende der 1970-er in Chicago das Genre House entstanden, welches in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre seine klangliche und visuelle Zuspitzung im Techno fand. Dieser wiederum wird neben dem Hip Hop vielfach als eine der wichtigsten Innovationen der populären Musik im ausgehenden 20. Jahrhundert betrachtet.
Zurückführen lassen sich die beiden popkulturellen Strömungen unter anderem auf die Digitalisierung verschiedenster Musikinstrumente in den frühen 1980-er Jahren. Dadurch hat sich die Produktionsweise von Musik grundlegend verändert: War es zunächst besonders der erste, kommerziell verfügbare digitale Synthesizer Yamaha DX-7 – von seiner Einführung 1983 bis heute ein Kultgerät –, so trug auch das Sampling maßgeblich zu verschiedenen musikalischen Innovationen bei.
Musik produzieren mit MIDI und Drum-Computer
Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch die digitalen Drum-Computer sowie die Einführung des MIDI-Standards, mit dem mehrere, midi-fähige Musikinstrumente problemlos miteinander verbunden werden konnten. Weil Geräte dieser Art Mitte der 1980-er Jahre noch sehr teuer waren, bedienten sich viele Künstler bei den mittlerweile etwas günstigeren und ebenfalls polyphon spielbaren analogen Synthesizern der Firmen ARP, Moog oder Roland.
Plötzlich fanden sich Musikschaffende und Produzenten in der neuen Situation wieder, fortan weitestgehend unabhängig von anderen Musikern neue Klänge und innovative Sounds erschaffen zu können. Daraus entstand ein Tätigkeitsbereich, der die Aufgaben des Komponisten und Interpreten eng mit jenen des Musikproduzenten kombiniert. Seit der Jahrtausendwende treten hier besonders DJs in den Vordergrund, die sowohl als Musiker und Songwriter arbeiten und zugleich auch erfolgreich als Produzenten tätig sind. Künstler wie Tiësto, Trentemøller oder Armin van Buuren laden Sängerinnen und Sänger in ihre Studios ein, um gemeinsam einzelne Tracks zu produzieren – und das mit ausgesprochen großem, kommerziellem Erfolg. Plötzlich stehen also nicht mehr der Musiker oder die Sängerin in der Öffentlichkeit, sondern der Produzent – hier in der Rolle des DJ. Sie arbeiten nicht mehr für andere Künstler oder Bands, sondern ausschließlich für sich selbst.
Übrigens: Von Schallplatten zu Spotify-Playlists – nicht nur die Musikproduktion, auch das Musikhören hat sich im Laufe der Zeit verändert.
Das Revival der Musikproduzenten & die Bedroom-Producer
Dennoch haben Musikproduzenten, obgleich der vielen technischen Innovationen im 21. Jahrhundert, nichts an ihrer Relevanz eingebüßt: Kult-Produzenten wie Rick Rubin oder Ikonen wie Sylvia Massy werden nach wie vor von den größten Künstlern unserer Zeit engagiert. Und parallel dazu entsteht eine neue, junge Generation an Musikproduzenten, die ihren Aufstieg durch den weiteren Fortschritt der Technologie erlebt: Denn viele Künstler beginnen heute als Bedroom Producer ihre Musik in Eigenregie selbst zu produzieren und diese über Social-Media-Kanäle zu vermarkten. Fast immer von zu Hause aus und manchmal auch aus dem Schlafzimmer, was die Devise der „Do It Yourself“-Bewegung aus dem Punk der 1975er-Jahre retrospektiv wiederaufleben lässt.
Jetzt interessiert mich deine Meinung: Ist der Beruf des Musikproduzenten noch zeitgemäß? Welche Aufgaben sollte dieser im Jahr 2024 übernehmen? Welche Erfahrungen hast du in diesem Bereich gemacht? Ich freue mich, von dir zu hören.


