Das Leben auf Tour gibt Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit, unvergessliche Erfahrungen zu sammeln und mit anderen Menschen in einer Intensität zusammen zu leben und zu arbeiten, die im Alltag nur schwer zu finden ist. Andererseits stoßen Künstler dabei regelmäßig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und werden häufig dazu gezwungen, diese (ungewollt) zu überschreiten. Mentale Gesundheit im Musikbusiness: Dieser Artikel gibt dir einen Überblick zum Thema.
Stress im Scheinwerferlicht
Das Spannungsfeld zwischen erwarteter Perfektion, körperlicher Erschöpfung, innerer Anspannung und anhaltendem Schlafmangel ist an manchen Tagen nur schwer auszuhalten – und dennoch geht die Show weiter. Hinzu kommen Tage, an denen Auftritte nicht gut laufen und man sich niedergeschlagen fühlt oder die Reaktion des Publikums nicht der Mühe entspricht, die man jahrelang in seine Kunst investiert hat. Kurz gesagt: Das Live-Musik-Geschäft ist ein eigener, äußerst anspruchsvoller Mikrokosmos, den viele Außenstehende und sogar nahestehende Personen nicht verstehen können (oder wollen).
Auf Tour: in einem emotionalen Vakuum
Im Jahr 2024 haben Influencer und Fans die Macht, vernichtende Kritiken mühelos einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und im schlimmsten Fall sogar aktiv dazu beizutragen, eine Musikkarriere zu beenden. Einige Fans neigen zu extremer Hysterie, überschreiten persönliche Grenzen oder sind in manchen Fällen sehr konfrontativ. Hinzu kommt, dass es unglaublich anstrengend ist, regelmäßig den Erwartungen und Urteilen anderer ausgesetzt zu sein.
Das Problem der langen Trennung von Partnern, Freunden und Familie verstärkt die Belastung. Es fällt schwer, sich über persönliche Angelegenheiten auszutauschen. Kaum jemand bleibt während einer Tour frei von dem Gedanken: Eigentlich sollte ich jetzt zu Hause sein. Stattdessen findet man sich in einem Vakuum zwischen Soundcheck und Auftritt wieder – oft gefüllt mit Warten, Rumsitzen und den immer gleichen, flachen Witzen. Es besteht die Möglichkeit, am Instrument zu üben, allerdings nur bis dies auf den Unmut der anderen Crew-Mitglieder im Backstage-Bereich stößt.
Routine zwischen Euphorie und Einsamkeit
Für viele Menschen klingen die Erzählungen über eine erfolgreich absolvierte Tour nach einer endlosen Party mit Freunden. Dabei wird oft vergessen, wie langweilig diese Routine nach einigen Tagen werden kann und wie schwer es ist, vor dem nächsten Auftritt Abstand und innere Ruhe zu finden. Nach dem Auftritt ist es aufgrund des Adrenalins und der intensiven Eindrücke umso schwieriger, sich effektiv zu erholen. Wer keine wirksamen Strategien kennt, gerät leicht in Versuchung, seine Probleme mit ungesunden Mitteln wie Alkohol, Schlaftabletten oder Drogen zu bewältigen.
Für die meisten Independent-Künstler kommt noch eine weitere Hürde hinzu: Es ist nahezu unmöglich, Familienmitglieder mit auf Tour zu nehmen. Logistik und Budget erlauben dies oft nicht. In unterschiedlichen Zeitzonen wird der Kontakt zu Familie und Freunden zusätzlich erschwert. Nach einer Tour vermisst man nicht nur die gemeinsame Zeit und das Feiern, sondern manchmal wird man auch einfach krank, da jede Tournee ihren Tribut fordert – physisch, psychisch und sozial.
Psychische Gesundheit von Musikern: Eine kritische Betrachtung und ein dringender Appell für Unterstützung
Verschiedene Untersuchungen ergaben, dass bei Musikern psychische Erkrankungen wesentlich häufiger auftreten als im breiten Durchschnitt der Bevölkerung. Die Website HelpMusicians.org.uk zeigt sehr deutlich, was es für einen Bedarf an mentaler Hilfe für Musikerinnen und Musiker gibt. Eine Studie des schwedischen Online-Distributors Record Union aus dem Jahr 2019 ergab, dass 73 Prozent der Musiker von Angstzuständen, Panikattacken und Depressionen betroffen sind. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind die Zahlen noch dramatischer: 80 % der Befragten in dieser Altersgruppe gaben an, einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit im Musikbusiness und individuellen psychischen Problemen zu sehen.
Wenngleich es sich bei den erhobenen Zahlen nicht um klinische Studien handelt, so belegen diese trotzdem sehr deutlich, wie es in den letzten Jahren um die mentale Gesundheit von Musikerinnen und Musikern bestellt ist.
Mentale Gesundheit im Fokus
Seit ungefähr sechzig Jahren wird im Bereich der „Psychischen Gesundheit in der Musikindustrie“ geforscht – allerdings rückte das Thema mit dem tragischen Tod von Amy Winehouse im Jahr 2011 erneut stark in den Fokus. Fast wirkt es so, als sei ihr Tod eine Art Katalysator gewesen, der den Aspekt „Psychische Gesundheit in der Musikindustrie“ in das Blickfeld von Plattenfirmen, Managern, Booking-Agenturen und Künstlerinnen bzw. Künstlern gerückt hat.
Insgesamt eine begrüßenswerte und wichtige Entwicklung – die in den folgenden Jahren trotzdem etliche weitere Todesfälle nicht verhindern konnte. Bedingt durch Drogen oder Medikamente waren das zum Beispiel DMX, Taylor Hawkins, Scott Weiland, Whitney Houston, Mac Miller, Tom Petty und Prince, neben vielen anderen. Durch Selbstmord starben Avici, Chester Bennington, Chris Cornell, Keith Flint und Scott Hutchison.
Depression und Selbstmord bei Musikern
Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, dass von 100.000 Musikern im Durchschnitt 33 Suizid begehen. Das ist weit mehr als bei Schriftstellern (24), Schauspielern (24), Regisseuren (24) und Tänzern (30). Professor Alexander Schmidt von der Charité Berlin stellte fest, dass Berufsmusiker deutlich häufiger an Depressionen leiden als Laien-Musiker. Schmidt führt das unter anderem auf wenig geordnete Berufsverhältnisse und dadurch eine prinzipiell erhöhte seelische Belastung zurück.
Und das Thema ist weiterhin in der Forschung präsent: So hat eine umfangreiche Studie unter Zwillingen, die 2023 veröffentlicht wurde, untersucht, ob Musikalität und psychische Gesundheit zusammenhängen.
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit in der Musikindustrie
So überrascht es nicht, dass auch die Corona-Pandemie tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit vieler Musikerinnen und Musiker hatte. BR-Klassik führt das auf die kombinierten Auswirkungen von Auftrittsverboten, finanziellem Druck und Einkommensverlusten sowie mangelnden Auftrittsmöglichkeiten zurück. Hinzu kamen staatliche Coronahilfen, die nicht an die realen Bedürfnisse von freiberuflichen Musikerinnen und Musikern angepasst waren.
Doch nicht nur die Künstler selbst litten unter der fatalen Gesamtsituation, sondern die durch die Pandemie verursachten Konzertabsagen und damit einhergehenden Verdienstausfälle verschlechterten gleichfalls die psychische Gesundheit vieler Veranstalter, Booking-Agenturen, Manager und der gesamten (technischen) Crew des Live-Musik-Sektors.
Drastischer Umsatzrückgang, fehlende Fachkräfte
Die Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft e.V. weist in Ihrer Studie „Zähl dazu“ aus dem Jahr 2021 darauf hin, dass annähernd 90 Prozent der befragten Unternehmen der Veranstaltungsbranche einen Umsatzverlust zwischen 50 und 100 Prozent erlitten. Wiederum die Hälfte der Befragten gaben an, dass sie keinen Ausgleich zu der negativen Umsatzveränderung erzielen konnten. Vor allem Soloselbstständige fielen durch das Förderraster und erhielten trotz Berufsverbot nur geringe finanzielle Unterstützung.
Die Branche büßte durch die Pandemie Fachkräfte und Liquidität ein – nun fehlen Licht- und Tontechniker, Logistiker, Rigger und Stage-Hands. Veranstaltungen müssen abgesagt oder können überhaupt nicht mehr geplant werden. Neben den finanziellen Belastungen während der Corona-Pandemie trugen auch andere Faktoren wie beispielsweise Kontaktbeschränkungen zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Musikerinnen und Musikern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Veranstaltungsbranche bei.
Kreativität, Musik und die Herausforderung von Depressionen
In seinem Buch The Van Gogh Blues: The Creative Person’s Path Through Depression schreibt Eric Maisel: „I think 100 per cent of creative people are going to experience existential depression, which is a result of their desire to find meaning in life through their work.”
Rick Rubin führt das weiter aus, wenn er sagt: „If you see tremendous beauty or tremendous pain where other people see little or nothing at all, you’re confronted with big feelings all the time. These emotions can be confusing and overwhelming. When those around you don’t see what you see and feel what you feel, this can lead to a sense of isolation and a general feeling of not belonging, of otherness.“ Und genau diese emotionale Tiefe wird in der Musik kreativ zum Ausdruck gebracht: Zahlreiche Lieder handeln von negativen Emotionen – Möglicherweise musikalische Zeugen der Auswirkungen von Depressionen und Selbstmordgedanken.
Keine Hilfe bei mentalen Problemen
Darby Crash, Mitbegründer der Punkband Germs und bis kurz vor seinem Tod deren Frontmann und Leadsänger, sagte 1979: „Ich werde nicht für mein Alter sparen, weil ich kein Alter haben werde. Sollte uns das Geld ausgehen, kann ich mich jederzeit umbringen.“ Er starb 1980 an einer Überdosis Heroin. Im gleichen Jahr beging auch Ian Curtis, der Frontmann von Joy Division und unter schwerer Epilepsie und Depressionen leidend, im Alter von 23 Jahren in Manchester Suizid. Zu jener Zeit war die mentale Gesundheit von Musikerinnen und Musikern kein Thema. Fast schien es, als sei ein tragischer Tod Teil ihres Berufsrisikos.
Auch Chris Cornell, Frontmann von Soundgarden und Audioslave kämpfte sehr lange mit Depressionen. In einem Interview von 1996 sagte er: „I know what it feels like to be suicidal, and I know what it feels like to be hopeless. There is some point where I learnt enough about myself to know that I don’t have the tolerance to create other hurdles as well… No one really knows what run-of-the-mill depression is. You’ll think somebody has run-of-the-mill depression, and then the next thing you know, they’re hanging from a rope.“ 2017 nahm er sich nach einem Auftritt in seinem Hotelzimmer in Detroit das Leben – ohne Drogeneinfluss, denn seit 2005 konsumierte Cornell keine Drogen mehr.
Psychische Gesundheit von Musikern muss mehr in den Fokus
In dem Song Everybody Hurts singt Michael Stipe von R.E.M.: „When you’re sure you’ve had enough of this life, well hang on.“ David Bowie schreibt in dem Text von Rock ’n’ Roll Suicide etwas ganz Ähnliches: „Oh no, love, you’re not alone, no matter what or who you’ve been. No matter when or where you’ve seen. All the knives seem to lacerate your brain. I’ve had my share, I’ll help you with the pain. You’re not alone“. Bowie selbst litt unter schweren Depressionen, allerdings half ihm eine Psychotherapie, mit der Erkrankung besser leben und umgehen zu können.
Übrigens: Das Thema „Psychische Gesundheit“ ist nicht auf U-Musik beschränkt. Auch in der Klassik sind die Schattenseiten des Musikerdaseins– von Auftrittsängsten, Abhängigkeit von Medikamenten bis zu Depressionen – breit dokumentiert, wie der Artikel Musik als Beruf – Traumjob oder Psychofalle beschreibt.
Mehr Unterstützung für mentale Gesundheit im Musikbusiness
Obwohl Gedanken an Selbstmord wie ein Todesurteil klingen, sind sie das nicht. Suizid lässt sich vermeiden. Aus diesem Grund hat die Aufgabe, psychische Erkrankungen von Musikerinnen und Musikern frühzeitig zu erkennen und diese (unter ggf. gleichzeitiger Berücksichtigung musikwirtschaftlicher Interessen) adäquat zu behandeln, nichts an Aktualität eingebüßt. Insgesamt handelt es sich aber um ein Mammutprojekt, für das es bis jetzt weder genügend personelle noch finanzielle Ressourcen existieren.
Wichtige Kontaktmöglichkeiten bei Krisen und Depressionen
Seit 2019 gibt es in Deutschland zumindest den Verband Mental Health in Music. Er will die zentrale Anlaufstelle für die psychische Gesundheit in der Musik- und Kreativbranche sein. Das Angebot reicht von Psychotherapie und Suchthilfe bis zu Workshops rund um Lampenfieber und Resilienz.
Weitere Informationen und Präventionsprogramme zum Thema Burnout bei Musikerinnen und Musikern findest du im Artikel Prävention für mentale Gesundheit bei BR Klassik. Bei akuten Probleme kannst du dich hier melden:
Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222
Notarzt: 112
Jetzt interessiert mich deine Meinung: Wie kann die psychische Gesundheit von Musikerinnen und Musikern gefördert werden? Welche Maßnahmen könnten positive Veränderungen bewirken? Und, sind Veränderungen seitens des Managements und der Plattenfirmen notwendig? Wenn ja, welche? Ich freue mich, von dir zu hören.



Lieber Ole,
selten so einen lesenswerten Blog gelesen – ob für Sängerin, Künstlerin oder einfach Kunstschaffende:r – wirklich top! Auch dein Corona-Kapitel ist klasse – heute leiden immer noch viele Musiker:innen unter den Folgen – und dies oft seelisch und nur partiell monetär. Daher danke dafür!!
Hi Natalie,
vielen Dank für deine Nachricht und das positive Feedback!